Raum und Zeit – Die totale Illusion!

von Hermann R. Lehner

Wenn das Gestern und Vorher nicht mehr existiert, und das Morgen und Nachher noch nicht Wirklichkeit ist, was bleibt? Nur das Jetzt – so „kurz“, dass man nicht einmal sagen kann, es würde existieren – und doch nehmen wir es als eine ganze Welt wahr! Warum, frage ich mich dann, kann ich in diesem unendlich kurzen Jetzt etwas wahrnehmen und auch noch glauben, es wäre wirklich?

Dass Zeit relativ ist, wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Sind wir glücklich oder beschäftigen uns mit etwas, das uns Spaß macht, scheint sie zu rasen. Warten wir aber ungeduldig auf etwas oder langweilen uns, scheinen die Minuten nur quälend langsam zu verstreichen. – Doch was ist Zeit wirklich?

Augustinus wies bereits um ca. 1600 n. Chr. darauf hin, dass die Zukunft noch nicht, die Vergangenheit nicht mehr und die Gegenwart nur die Grenze zwischen diesen beiden Nicht-Seienden ist und damit selber nichtig sei. Und so folgerte er, dass es Zeit nur dank der menschlichen Seele gäbe, die sich an Vergangenes erinnert, Gegenwärtiges wahrnimmt und Zukünftiges erwartet. Was aber ist die Vergangenheit, an die wir uns erinnern? Und was ist die Zukunft, die es noch gar nicht gibt?

„Blendwerk“, wie die Inder sagen würden. Beide, weder die Vergangenheit noch die Zukunft, existierten nicht mehr oder noch nicht, und nur durch unsere Erinnerungen und Vorstellungen halten wir sie aufrecht. Aber was sind Erinnerungen und Vorstellungen anderes als … Gedanken.

Betrachten wir unsere Erinnerungen genauer, so entdecken wir Erstaunliches. Denn wir erinnern uns nur an das, was für uns eine Bedeutung hat oder an die Dinge, die uns noch interessieren – im positiven wie im negativen Sinn. Unsere Kindheit beispielsweise entgleitet zunehmend aus der Erinnerung, und wir sind uns nur noch der Momente bewusst, die besonders eindrucksvoll für uns waren. Besonders interessant war diese Erkenntnis für mich, als ich entdeckte, dass jedes Mal, wenn ich meinen Beruf oder mein Interessengebiet wechselte, fast schlagartig die meisten meiner Erinnerungen an viele Dinge des bisherigen Tätigkeitsfeldes verschwanden – beispielsweise die Telefonnummern wichtiger Geschäftspartner –, an die ich mich zuvor jederzeit erinnern konnte. Neu Erlerntes jedoch, das, was für mich in meiner neuen Tätigkeit jeweils wichtig war, konnte ich mir gut merken.

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Solche Beobachtungen machen klar, dass Erinnerungen keineswegs fixiert und stabil sind, sondern sich den Notwendigkeiten und Gegebenheiten des Menschen anpassen, der sie benötigt. Erinnerungen sind so gesehen nichts anderes als Gedanken, die wir „pflegen“.

Aber wann haben wir all diese Gedanken? Nur jetzt! Was immer wir über Gestern denken, wir denken es jetzt.

Was würde passieren, wenn wir uns an nichts mehr erinnern könnten? Was, wenn all unsere Erinnerungen auf einen Schlag weg wären? – Es gäbe dann für uns keine Vergangenheit mehr. Und was wäre mit der Zukunft? Wie könnten wir uns eine Zukunft vorstellen, wenn jegliche Referenz – unsere Erfahrungen also – nicht mehr vorhanden wären? Gar nicht! Wir würden in einem „ewigen Jetzt“ leben.

Das Jetzt besteht aus einem unendlich kleinen Moment, so winzig, dass jeder Gedanke an ein Jetzt bereits wieder Vergangenheit ist! Und könnten wir uns an die nicht erinnern, würde nichts bleiben.

Jeden Abend verschwinden mit Eintritt des Schlafes alle Gedanken und auch all unsere Erinnerungen. Damit erlischt für uns die Welt, und mit ihrem Schwinden verschwinden auch Raum und Zeit.

Diese einfache, tägliche Beobachtung verdeutlicht, dass Raum und Zeit ohne Gedanken nicht existieren können.

Achten Sie doch einmal darauf, was passiert, wenn Sie einschlafen. Die Gedanken werden weniger, und mit jedem Gedanken, der schwindet, wird „die Welt“ ein wenig kleiner, bis sie schließlich dem Schlaf und später einer Traumwelt weicht (die wir übrigens, während wir träumen, für vollkommen real halten!).

Umgekehrt verhält es sich beim Aufwachen, was Sie am besten an einem Morgen, an dem Sie kein Weckerklingeln abrupt ins „Diesseits befördert“, beobachten können. Zunächst ist da nur etwas wie „Sein“. Dann wird der Körper wahrgenommen, dann die unmittelbare Umgebung, bis schließlich nach und nach durch jeden weiteren Gedanken, der auftaucht, die Welt vollständig „rekonstruiert“ ist.

Die Welt – und mit ihr Raum und Zeit – entsteht also durch Gedanken. Raum und Zeit sind das „Gerüst“, in das wir unsere Gedanken hinein spinnen und können – da sie mit Beenden des Denkens verschwinden – nur eine gedankliche Form sein.

Um dies zu verdeutlichen, gebrauche ich gern den Vergleich eines Ringes aus Zigarrenrauch. Man sieht die Form des Ringes, der durch das Zimmer wandert, bis er sich wieder „in Luft auflöst“. Aber was sieht man wirklich? Nur Rauch!

Der Ring ist nur eine Form ohne eigene Existenz. Tatsächlich gibt es ihn gar nicht, sondern nur den Rauch, der in der Form des Ringes sichtbar wurde. Vermischt sich der Rauch wieder mit der umgebenden Luft, so ist der Ring – die Form also – verschwunden.

So wie der Rauch den Ring benötigt, um sichtbar zu werden, so benötigen auch wir eine Form, um wahrnehmen zu können: Raum und Zeit.

Was wir wahrnehmen, ist das, was als die Welt bezeichnet wird. Und diese besteht aus Materie in ihren vielfältigen Formen. Seit Albert Einsteins Relativitätstheorie weiß man, dass Raum und Zeit nicht unabhängig voneinander existieren können – wir kennen hierfür den Begriff „Raum-Zeit-Kontinuum“ – und dass auch Raum und Zeit nicht unabhängig von Materie existieren können. Wahrnehmung bedingt also Materie und Raum und Zeit als voneinander abhängige Faktoren. Verschwindet eines davon, verschwinden alle anderen auch, und wir befinden uns im „Schlaf“ – frei von Wahrnehmung, Zeit und Raum.

Raum und Zeit können daher nicht getrennt oder unabhängig von uns existieren. Beides sind nur Gedankenformen, damit wir überhaupt eine Welt wahrnehmen können.

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Damit wird klar: Nicht wir erscheinen in der Welt, sondern die Welt erscheint in uns. Sie erscheint mit dem Aufwachen und verschwindet mit dem Einschlafen. Ohne Wahrnehmung gibt es keine Welt. Keinen Raum und keine Zeit.

von Hermann R. Lehner via Nisarga

Buchtipp Hermann R. Lehner

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