Runenmagie und die Kraft des Wortes!


18eec7090b85ef8462993c99e4e843.jpg

Im vorchristlichen germanischen Weltbild besitzt das gesprochene Wort schrecklich starke, schöpferische Kräfte. Es wurde anerkannt, dass die Aussprache von Wörtern einen enormen Einfluss auf die Belange des Lebens hat.

Die Auswirkung eines laut gesprochenen Satzes konnte nicht in Frage gestellt und nie zurückgenommen werden – als wäre es irgendwie körperlich geworden… Worte schaffen Realität, nicht umgekehrt. Dies ist in einem wichtigen Sinn, eine Vorwegnahme der Philosophie der Sprache, die der deutsche Philosoph Martin Heidegger in seinem semantischen Essay über Sprache vorbrachte.

eb712f025aef220388b446db353cb7.jpg

Für Heidegger (Foto) ist Sprache ein unausweichliches, strukturierendes Element der Wahrnehmung. Worte reflektieren nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt; Vielmehr erleben wir die Welt in den besonderen Weisen, die unsere Sprache von uns verlangt. Denken außerhalb der Sprache ist für uns deshalb buchstäblich undenkbar, weil alle Gedanken in der Sprache stattfinden – folglich die innewohnenden, göttlichen kreativen Mächte von Wörtern. In der traditionellen germanischen Gesellschaft bedeutet dies, ein Gedanke zu vokalisieren, diesen Gedanken zum Wirklichkeitsgefüge zu machen und die Wirklichkeit dementsprechend zu verändern – vielleicht nicht absolut, sondern in gewisser Weise.

Runenmagie

Die phonosemantische Sicht der Sprache stimmt mit der traditionellen nordeuropäischen Sichtweise überein, dass Worte die erfahrene Wirklichkeit schaffen, nicht umgekehrt.

Die ersten Schriftsysteme, die von den germanischen Völkern entwickelt und verwendet wurden, waren Runenalphabete.

Die Runen, als Verschiebungen von Phonemen, bringen die inhärente schöpferische Sprachgewalt in ein visuelles Medium.

mojbro-214x300.jpg

Die Runen fungierten als Buchstaben, aber sie waren und sind viel mehr als nur Buchstaben in dem Sinne, in dem wir heute den Begriff verstehen. Jede Rune war ein ideographisches oder piktografisches Symbol irgendeines kosmologischen Prinzips oder einer Macht, und eine Rune zu schreiben, bedeutete, die Kraft aufzurufen und zu leiten, für die sie stand. In jeder germanischen Sprache bedeutet das Wort „Rune“ (aus dem Urgermanischen * Runo) sowohl „Buchstabe“ und auch „Geheimnis“.

Die Runen-Alphabete heißen „Futharks“ nach den ersten sechs Runen (Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raidho, Kaunan), in der gleichen Weise, wie das Wort „Alphabet“ von den Namen der ersten beiden semitischen Buchstaben (Aleph, Beth) kommt.

il_570xn.478283740_6z76.jpg

Jede Rune hatte einen Namen, der auf die philosophische und magische Bedeutung ihrer visuellen Form und den Klang hinweist, für den sie steht, was fast immer der erste Ton der Rune war. Zum Beispiel wird die T-Rune in der germanischen Sprache * Tiwaz benannt, nach dem Gott Tiwaz (bekannt als Tyr in der Wikingerzeit). Von Tiwaz wurde wahrgenommen, dass er innerhalb des Tageshimmels wohnte, und dementsprechend ist die visuelle Form der T-Rune ein Pfeil, der nach oben zeigt (was sicher auch auf die kriegerische Rolle des Gottes hindeutet). Die T-Rune wurde oft als ein eigenständiges Schriftzeichen, neben dem Schreiben eines bestimmten Wortes, im Rahmen eines Zaubers um den Sieg in der Schlacht zu gewährleisten, angesehen.

Runen wurden traditionell auf Stein, Holz, Knochen, Metall oder auf ähnlich harte Oberflächen geschnitzt, anstatt mit Tinte und Feder auf dem Pergament. Das erklärt ihre scharfe, winkelige Form, die für diese Medien geeignet war.

Mit den Runen nimmt die phonosemantische Perspektive eine zusätzliche Schicht von Bedeutung an. Nicht nur die Beziehung zwischen der Definition eines Wortes und den Phonemen, die es inhärent aussagekräftig machen – ist die Beziehung zwischen einem Phonem und seiner graphischen Darstellung ebenso von Natur aus bedeutungsvoll.

So waren die Runen nicht nur ein Mittel, Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Menschen zu fördern. Da es sich um intrinsisch (von innen her kommend) sinnvolle Symbole handelte, die von mindestens einigen nichtmenschlichen Wesen gelesen und verstanden werden konnten, konnten sie die Kommunikation zwischen den Menschen und den unsichtbaren Mächten, die die sichtbare Welt beleben, erleichtern und die Grundlage für eine Fülle magischer Handlungen schaffen.

Da die Fähigkeit, den Verlauf des Schicksals zu verändern, eines der zentralen Anliegen der traditionellen germanischen Magie ist, dürfte es uns nicht verwundern, dass die Runen als äußerst potentes Mittel zur Umleitung des Schicksals waren.

Dies ist eine umstrittene Aussage, da einige Wissenschaftler darauf bestehen, dass, während die Runen manchmal für magische Zwecke verwendet wurden, sie an für sich nicht magisch waren.

indexrunemagic.jpg

Wir können aus der Geschichte sehen, dass die heidnischen Nordeuropäer einen scharfen Unterschied zwischen den Kräften der Runen selbst und deren Verwendungen machten, auf die sie gesetzt wurden. Und doch machen die Eddas und Sagen es reichlich klar, dass die Zeichen selbst immanente magische Attribute besitzen, die auf besondere Weisen arbeiten.

Also: Runen können ein Schutzzeichen sein, um Kräfte abzuwehren. Sie können Kräfte anziehen, als Kraftzeichen, und ein Orakel sein!

Ein Großteil unserer heutigen Kenntnisse über die Bedeutungen der alten germanischen Völker, die den Runen zugeschrieben werden, stammen aus den drei „Runengedichten“, Dokumenten aus Island, Norwegen und England, die eine kurze Strophe über jede Rune in ihrem jeweiligen Futhark (Runenreihe) liefern.

Die frühestmögliche Runeninschrift befindet sich auf der „Meldorfer Brosche“, die im Norden des heutigen Deutschlands um 50 n. Chr. hergestellt wurde. Die Inschrift ist jedoch höchst zweideutig, und die Gelehrten sind geteilt, ob ihre Buchstaben runisch oder römisch sind. Die früheste bekannte, offiziell-angesehene Schnitzerei des gesamten Futharks ist auf dem Kylver Stein aus Gotland, Schweden zu finden, der auf rund 400 n. Chr. datiert werden kann. Doch Runen sind viel älter!

odin.jpg

Aus der Perspektive der altgermanischen Völker selbst aber kamen die Runen aus keiner Quelle. Die Runen waren nie „erfunden“, sondern sind ewig präexistente Kräfte, die Odin selbst durch eine enorme Tortur entdeckte. Diese Geschichte wird uns durch das altnordische Gedicht „Hávamál“, die Sprüche des Hohen, überliefert.

imagesgbgb.jpg

Runen haben bis heute, versteckt in unserer Realität überlebt, und so finden wir sie in verschiedenen Zeichen wieder. Zum Beispiel an alten Fachwerkhäusern als Schutzzeichen, an Bahnübergängen (Andreaskreuz->Eoh-Rune), aber auch das internaltionale Zeichen für Frieden (Peace-Zeichen) ist eine umgekehrte Algiz-Rune und symbolisiert dadurch Trennung, Verlust und sogar von Tod ist die Rede.

Da die Runen ein Lebensteil der vorchristlichen nordeuropäischen Mythologie, Weltanschauung, und geistigen Praxis sind, ist es für uns und unsere Geschichte nützlich, sich mit diesem Thema tiefer auseinanderzusetzen. Sie erhalten anbei ein kleines Sortiment der bestbewertetsten Literatur, mit der Sie sich ohne Vorkenntnisse über Runen weiterbilden können.

– DENKE-ANDERS-BLOG –

Wärmstens Empfohlen:


Quellen:

  • Flowers, Stephen E. 1986. Runes and Magic: Magical Formulaic Elements in the Older Runic Tradition. S. 161.
  • Eliade, Mircea. 1964. Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy. Translated by Willard R. Trask. S. 380.
  • Raudvere, Catharina. 2002. Trolldómr in Early Medieval Scandinavia. In Witchcraft and Magic in Europe, Volume 3: The Middle Ages. Edited by Bengt Ankarloo and Stuart Clark. S. 91.
  • Heidegger, Martin. 1971. Language. In Poetry, Language, Thought. Translated by Albert Hofstadter.
  • For a cogent discussion of the role of the spoken word in the Norse creation narrative itself, see:
  • Kure, Henning. 2003. In the Beginning Was the Scream: Conceptual Thought in the Old Norse Myth of Creation. In Scandinavia and Christian Europe in the Middle Ages: Papers of the 12th International Saga Conference. Edited by Rudolf Simek and Judith Meurer. S. 311-319.
  • de Saussure, Ferdinand. 2002. Writings in General Linguistics. Translated by Simon Bouquet. S. 68.
  • Sapir, Edward. 1921. Language. S. 8.
  • Trager, George. 1949. The Field of Linguistics. S. 5.
  • Egils saga Skalla-Grímssonar 75.
  • MacLeod, Mindy, and Bernard Mees. 2006. Runic Amulets and Magic Objects.

Hinweis:

Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung unserer Beiträge bedürfen stets einer Quellenangabe und Verlinkung zu unserem Originaltext!

Advertisements

Ein Kommentar zu “Runenmagie und die Kraft des Wortes!”

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s